Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zum 25. Jahrestag des Mauerfalls

Außenminister Steinmeier zu "25 Jahre Mauerfall" Bild vergrößern (© AA) An den Fall der Mauer vor 25 Jahren erinnern wir uns hier an einem wahrhaft historischen Ort:

Das Gebäude wurde zu Zeiten des Nationalso­zia­lismus erbaut. Von hier aus – dem Sitz der Reichs­­bank – wurde der grausa­me Vernichtungs­krieg Hitlerdeutschlands finanziert.

In der Zeit der DDR wurde das Gebäude [1959] zum Sitz des SED-Zentralkomitees und damit zur Schaltzentrale der Macht. Von hier aus wurde das Unrechtsregime geplant, aufgebaut und gelenkt.

In eben diesem Raum - bis 1989 dem Sitzungs­saal des Politbüros - entschieden Ulbricht, Hon­ecker, Mielke und viele andere mehr drei Jahr­zehnte lang buchstäblich über Leben und Tod.

Von hier aus wurde 1961 der Bau der Berliner Mau­er ins Werk gesetzt; hier wurden Gerichts­urteile verschärft, Menschen zu politischen Ge­fan­genen oder ausgebürgert; hier wurde Litera­tur verboten und Kultur zensiert; hier wurde auch das unmenschliche Grenzregime be­schlos­sen und bis zum Ende um den Preis so vieler unschuldiger Opfer brutal durchgehal­ten.

Und dann - beim Blick durch die Fenster dieses Saals - konnten die Betonköpfe des Regimes im Herbst 1989 erkennen, dass sie den Kampf gegen ihr eigenes Volk verloren hatten. Hier drückten sie ihren bürokratischen Stempel auf eine Entwicklung, die ohnehin nicht mehr zu stoppen war und die sie längst überrollt hatte:

Am 9. November 1989 fasste das Politbüro den Beschluss über die „Zeitweili­ge Übergangsre­gel­ung für Reisen und ständige Ausreisen aus der DDR“. Jetzt fehlte nur noch eine eigenwil­lige Auslegung dieser Entscheid­ung auf die Fra­ge eines ausländischen Jour­nalisten – und, wie man so schön sagt, der Rest ist Geschichte!

Die Mauer, dieser Schandfleck, der Berlin und Deutschland lange 28 Jahre lang ge­trennt hat­te, war gefallen. Die Trennung der Deutschen in beiden Staaten hatte ein Ende!

Seither hat ein frischer Wind den Muff der totalitären Jahrzehnte aus dem Gebäude geweht: Am 20. September 1990 stimmten die Abgeordne­ten der erstmals frei gewählten Volkskammer in diesem Haus dem Vertrag über die Herstellung der Einheit Deutschlands zu.

- Wir sind froh und dankbar, dass die Menschen in Ostdeutschland mit großer Courage und hel­den­haftem Einsatz erst die Berliner Mauer zum Einsturz brachten und dann das DDR-Regime innerhalb weniger Monate hinwegfegten.

Ihr Mut und ihr Freiheitswille ist uns gerade an diesem Ort Verpflichtung für die Zukunft.

- Unsere Freunde, Partner und Verbündete in der ganzen Welt haben sich wie wir und mit uns über den Fall der Mauer gefreut.

Wir sind glücklich und dankbar, dass wir die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands mit der Zustimmung aller unserer Nachbarn und Partner erlangen konnten.

- Wir sind stolz darauf, dass die deut­sche Einheit auch der Auftakt zu einer europäischen Wiederver­einigung geworden ist. Heute sind zehn mittel- und osteuropäische Nachbarn unsere Bündnis­partner in der Europäischen Union und in der NATO.

Wir freuen uns, dass wir gemeinsam in Europa mehr als 20 gute Jahre in Frieden, Freiheit und wachsendem Wohlstand erleben durften.

Wir sind dankbar dafür, dass Geschichte auch glücklich ausgehen kann.

Und das gilt auch für den Raum, in dem wir uns hier aufhalten: Seitdem Berlin wieder Sitz der Bundesregierung ist, ist dieses Gebäude die Heimat des Auswärtigen Amtes.

Hier in diesem Raum - wo bis vor 25 Jahren noch ein Unrechtsregime zementiert werden sollte - trifft sich täglich die Leitung des Auswärtigen Amtes zur morgendlichen ‚D-Runde‘ [Direktorenrunde].

Hier in diesem Raum wird die Außenpolitik des wiedervereinig­ten Deutschlands gestaltet – eine Außenpolitik, die dem Frieden und der Verstän­di­gung dienen will und die eben jenes Unrecht und jene Unfreiheit bekämpfen möchte, wie sie jahrzehntelang aus diesem Gebäude heraus praktiziert wurden.

Wir haben das Bild der Menschen vor Augen, die sich am 9. November 1989 auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor in den Armen lagen, wenn wir heute deutsche Außenpolitik gestalten.

Es ist Außenpolitik für ein Volk, das, wie es in der Präambel des deutschen Grundgesetzes heißt, von dem Willen beseelt ist, „in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen.“

Ich bin stolz, dass ich 25 Jahre nach dem Fall der Mauer und dem Verschwinden des Eisernen Vorhang in der Mitte Europas an dieser deutschen Außenpolitik mitwirken darf.

(copyright: Auswärtiges Amt)