Europas zweite Chance

Frederick Taylor

Europas zweite Chance

Herr Taylor, erinnern Sie sich daran, was Sie am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, gemacht haben?

Es ist wirklich kurios: Ich habe erst am 10. November 1989 vom Mauerfall erfahren. Am Abend des 9. Novembers reisten meine Frau und ich nach London, wo uns ein Freund seine Wohnung zur Verfügung stellte. Sein Fernsehgerät funktionierte nicht, und weil wir von unserer Reise müde waren, gingen wir direkt zu Bett. Erst am nächsten Morgen erfuhr ich, was in Berlin passiert war. Einerseits freute ich mich natürlich darüber, andererseits war ich enttäuscht, das „Live“-Erlebnis verpasst zu haben.

Die Mauer brachte, so beschreiben Sie es in Ihrem Buch, Stabilität zum Nutzen anderer Völker. Was bedeutete der Mauerfall für das Weltgeschehen der folgenden Jahre?

Die Stabilität kam den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs gelegen. Anders erging es den Deutschen und insgesamt den Nationen, die unter der Herrschaft des sowjetischen Regimes standen. Der Mauerfall schließlich beendete den Kalten Krieg und ermöglichte eine globalisierte Wirtschaft, wie wir sie heute kennen. Die weltpolitische Lage ist dynamischer geworden – mit allen positiven und negativen Konsequenzen, die diese Dynamik mit sich bringt.

Sie sind Brite. Welche Veränderungen bedeutete der Mauerfall im Alltag für Sie und andere Menschen außerhalb Deutschlands?

Der Mauerfall stand einerseits für ein neues, offenes Europa. Die Menschen im Westen lernten Osteuropa neu kennen – und umgekehrt. Auf der anderen Seite keimten mit dem Ende des Kalten Kriegs, in dem die Solidarität gegen den Kommunismus ein bindendes Element zwischen den westlichen Staaten war, alte nationalistische Tendenzen auf, die, so scheint es heute, ohne Konsequenzen blieben. In Deutschland war das gar nicht unbedingt der Fall, sondern eher in anderen Ländern, meine Heimat eingeschlossen. Ein schlimmer Fehler, von dem wir heute lernen müssen.

Die aktuellen Ereignisse in der Ukraine sind ein Beispiel dafür, dass der Prozess der politischen Annäherung des deutschen und des europäischen Ostens und Westens noch nicht abgeschlossen zu sein scheint. Was sind aus Ihrer Sicht nach 1989 die wichtigsten weltpolitischen Wendepunkte und Ereignisse der Annäherung?

Die Situation ist denkbar schwierig. Einmal mehr haben sich Abgründe zwischen dem Osten und dem Westen aufgetan. Die deutsche Wiedervereinigung, die Erweiterung der Europäischen Union und die damit einhergegangene Verringerung der russischen Macht hätten eine Annäherung prinzipiell denkbar gemacht. Aber die Frage nach der Macht Russlands ist, wie man aktuell sieht, noch lange nicht geklärt, solange Putin und seine Verbündeten involviert sind. Sollte es in Zukunft Annäherungsversuche geben, wird der Prozess wesentlich angespannter und zögerlicher verlaufen als wir es 1989 gehofft (und geglaubt) haben. Ich fürchte, die großen weltpolitischen Ereignisse seit 2000 – insbesondere der Anstieg religiöser extremistischer Gewalttaten – werden die Annäherungsprozesse verlangsamen. Dennoch erscheinen sie mir unumgänglich.

Auch in der weltweiten Kulturszene lebt die Mauer weiter. Zahlreiche Werke wurden ihr – schon vor 1989 – gewidmet, etwa das Buch „Der Spion, der aus der Kälte kam“ des Schriftstellers John Le Carré oder die Alben „Berlin“ von Lou Reed und „The Wall“ von Pink Floyd. Welche Bedeutung messen Sie der weltweiten künstlerischen Erinnerung bei?

Die Mauer ist ein schockierendes und zugleich faszinierendes Beispiel dafür, wie in einer modernen Stadt, einem modernen Land eine barbarische und extreme Struktur aufgebaut und dann sogar zur Normalität werden kann. Das ist ein Grund, warum die Mauer so oft in einem künstlerischen Kontext auftaucht. Ich glaube, es ist wichtig, der Mauer weiterhin zu gedenken – vor allem mit Hilfe der Kunst, der Musik und der Literatur. Denn diese Erinnerung ist eine Warnung vor den schrecklichen Dingen, die wir Europäer uns gegenseitig antun können.

Die East Side Gallery in Berlin ist ein Beispiel für die große Faszination, die die Teilung durch die Mauer auf Menschen aus der ganzen Welt ausübt. Warum ist sie bis heute ein Anziehungspunkt?

Nun ja, sie markiert die Grenze zwischen Ost und West. Sie ist mit einigen eindrucksvollen und provokanten Bildern verziert (von denen nicht alle Originale sind!). Und sie ist im Prinzip alles, was von der Mauer übrig geblieben ist – es sei denn, man weiß, in welchen anderen Teilen Berlins und wo im Umland die Mauer einmal stand. Die East Side Gallery – und das Brandenburger Tor – sind symbolische Orte, und der Mensch braucht solche Orte.

Welche Bedeutung hat eine weltweite Kultur der Erinnerung an den 9. November 1989?

Vor 25 Jahren, als die Mauer fiel, wurde Europa auf nahezu wundersame Weise von seinen historischen Fehlern (damit meine ich die zwei großen und blutigen Kriege) erlöst und hat eine zweite Chance bekommen. Wir haben aus dieser Chance vielleicht nicht das gemacht, was wir daraus hätten machen können. Aber das Ergebnis ist nicht ausschließlich negativ, und es gibt Hoffnung auf eine Wiedergeburt Europas. Was bedeutet nun das 25. Jubiläum? Wir sollten tief durchatmen und daran arbeiten.

Frederick Taylor

Der britische Historiker Frederick Taylor, geboren 1947, studierte Neue Geschichte sowie Germanistik in Oxford und München. Während der siebziger Jahre lebte er in beiden Teilen Deutschlands. International berühmt wurde er mit seinen Büchern über die Berliner Mauer und die Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkriegs. In seinem neuen Buch „Inflation“, zeigt er, wie die dramatische Geldentwertung zwischen 1914 und 1923 die junge Weimarer Republik in den Untergang trieb. Taylor lebt zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin Alice Kavounas, in Cornwall und ist Fellow der Royal Historical Society.

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